AKTUELLES

10.02.2012 I 19.30 Uhr
Lesung zur Buchvorstellung "Mehrfachbelichtung", Ernst-Abbe-Bibliothek, Jena
Oktober 2011
Veröffentlichung PALMBAUM Heft 2-2011
25.09.2011
Buchvorstellung "MEHRFACHBELICHTUNG"
Burg Ranis

Momente

1.
Als das Gewächs
auf ihre Knochen drückte,
nahm sie den Haken,
schürte Feuer,
fragte,
wann stirbt er.

2.
Sie spiegelte sich
in der Fensterscheibe,
die lichte Nacht trug,
sie sah nur ihn, wusste,
dass die Äpfel nie wieder
so reif sein würden.

3.
Als sie die Tür
hinter sich zuzog,
ahnte sie,
dass sie bisher nie
und niemals wieder
so fest schließen werde.

Begegnung

Jetzt, kennst du mein Gesicht,
wann entdeckst du die Narben,
die der Morgenspiegel beleuchtet,
ausgehungert und blass, ahne ich
Finger zwischen den Schultern,
die mich sterblich zeichnen,
wage nicht aufzuschauen,
so, nach dem ersten Kuss.

Kurz mal weg

Das Bettgestell sang nicht,
als ich auf dir kniete,
kam,
die Nachmittagssonne,
blendete.

Tritt aus dem Schatten

der auf deinen Händen ruht,
lass die Finger tanzen,
zeige die Nägel,
meine roten ergreifen deine Karten,
mit der Lizenz -
zum weitergeben.
Spiele neue Regeln,
unterbrich, spontan
misch neu,
unbedarft.

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(für AB)

In Briefen
greifen wir einander
nah
ins Papier gesagt,
suchen
richten Worte,
fragen wir.

Im Konzert

Ein verstohlener Blick
von dir, von mir,
erschreckt
versteckt,
verschämt,
Jahre in Sekunden,
ich schmecke gestern,
streiche Haare hinter's Ohr,
schließe die Jacke,
verrücktes Klavier.

Zechsteinriff

In geschützten Wiesen
grünt Wacholder,
auf nördlichem Felsen
träumst du mir Eiszeit;

Krölpa strahlt lichterfüllt
in Augenhöhe der Thüringer Wald;

zwei Eidechsen
auf schattiger Bank
Angst vor Lizenz;

beim Abstieg Kirschen im Mund.

Eintausend Jahre glauben

Im Dom von Verona vertieft
der Ikonenmaler den Pinsel in die Stirn,
ich meditiere
aufgereihte Ebenbilder
vor Fresken, Überresten
mein Halbwissen romanischer Zeit.

Madonna del Popolo
sitzend, beide Hände über dem Sohn, Demut
in Gold, wer rettet wen -
kein falscher Glanz in den Augen.

Kletterspinnen

(für Heidi)

Vor dem bemoosten Berg,
im Spielplatzgeflecht,
spannen Seile bizarre Gebilde,
sonnenerwärmt, surren sie,
treiben mich zur Spitze;
kindgeworden, kichere ich himmelwärts,
du blickst objektiv,
gibst Ungestüm einen Rahmen;
unsere Hände, greifen verschiedene Stricke.

Am Fuß der Burg Ranis

(für Daniela und André)

liest Schinkel
am sechsten September,
Unwetterwarnung.

Ich drücke die Kirchtürklinke
kräftig, zum Anschlag,
missmutig
steige ich hinab
zu den Niedrighäusern,
für Feriengäste mit
vergoldetem Kreuz
im braunen Holzrahmen.

Einblicke, riskierte
Puppenfenster und Höfe
am Berghang festgezurrt.

Fußabwärts
nassgrüne Halme am
Schrötter Bach und
die Hiergeborene
erzählt Kindheitsspiele.

Vergebens suche ich Schutz
vor dem Sommerregen
zwischen gemähten,
geraden Gärten und Hungerturm.

Sonntag

Die Dame ungeschützt
der König in Rochade
die Bauern abgeschlagen
in wenigen Zügen
entrinnen unmöglich -
zuviel Strategie
im Spiel ohne Sprache.

Seit du fort bist

Schwarzer Kaugummi
auf dem Asphalt,
an der Hauswand
poröse Putzflächen,
abgebrochene Fliesenkanten,
eingerollte graue Kabel,
quietschbunte Leuchtreklame
ein Vogelnest im Buchstaben „e";
in den Straßenbahnen
nichtssagende Menschen.

EINGRIFF

Schreibe mir
einen wortreichen Brief,
in dem ich meine Mutter
Sprache finde.

In Fragmenten
lässt sich überwintern,
doch Heimat ist Ausdruck
und die nicht in Sicht.

Apfel im Filoteig

(veröffentlicht „ANNO 1900, Weimar“ 2008)

Alles hat einen Namen
ist für mich nicht gleich für dich,
gepudert die Versuchung

wie ich seine Kruste knacke
Tonkabohne, ein Hauch
für mich, dich eingeschlossen

niemals ankommen wollen im Raum
aufgetaucht
im Fruchtbouquet

eingefangen der Moment
der nachklingen,
festgehalten sein will.

Mutter

Schließe deine Lippen,
öffne ein Fenster,
lüfte dich,
atme groß,
vor einer Tochter
Panthersprung.

Hinter grünen Dornen
tropft Blut
aus ihren Puppen-
augen.

D-07743 JENA - TALSTRASSE 88 B - T+4903641827129